05.
Feb
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Kategorie: Augmented Reality

Besser zum Ziel: Augmented Reality bei Mercedes-Benz

Bei Mercedes-Benz kommt Augmented Reality und Virtual Reality in unterschiedlichen Bereichen zum Einsatz. In der Planung und Produktion, im Marketing und bei den telematischen Sytemen – der Navigation. Wie wichtig die Hersteller Themen wie Telematik und Connected Car mittlerweile betrachten, zeigte die Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas Anfang des Jahres. Welche Möglichkeiten Mercedes in der Navigation sieht, haben wir von Dr. Marc Necker, Manager Augmented Reality bei der Daimler AG, erfahren.

MARC NECKER IM INTERVIEW

WEAREAR: Herr Necker, Sie entwickeln bei Mercedes-Benz ein Navigationssystem mit Augmented Reality. Wie waren Ihre ersten Erfahrungen mit der erweiterten Realität?

Necker: Unsere bisherigen Erfahrungen sind sehr gut. Mit unserem Versuchsträger können wir die Augmented-Reality-Welt von morgen schon heute erlebbar machen. Das haben wir z.B. auch auf der InsideAR in München gemacht. Ich glaube, den meisten Besuchern hat die Fahrt gut gefallen.

WEAREAR: Was hat Mercedes dazu bewegt ein Navigationssystem mit AR zu machen? Welche Verbesserungen erwarten Sie von der neuen Technologie?

Necker: Augmented Reality bietet einen leichten und intuitiven Zugang zu Informationen. Beispielsweise können Navigationshinweise, Straßennamen oder Hausnummern direkt mit der Realität überlagert werden. Als Fahrer haben Sie es damit viel leichter, diese Informationen zu erfassen. Es ist viel mehr als eine schöne Darstellung, denn es stellt einen echten Mehrwert dar.

WEAREAR: Navigation funktioniert mit GPS-Daten. Augmented Reality blendet virtuelle Objekte in die reale Umgebung ein. Können Sie unseren Lesern erklären, wie das System funktioniert?

Necker: Das Fahrzeug weiß genau, wo es sich befindet und in welche Richtung es schaut. Es weiß daher auch sehr genau, an welchen Positionen ringsherum die virtuellen Objekte stehen. Wenn wir mit einer Kamera die Fahrzeugumgebung aufnehmen, z.B. die Fahrszene nach vorne heraus, dann sind es im Prinzip nur ein paar einfache geometrische Rechnungen, die virtuellen Objekte im Videobild zu verorten. Das kann man sich relativ leicht auf einem Blatt Papier überlegen. In der Praxis ist es dann leider wieder etwas aufwändiger, denn es gibt viele Ungenauigkeiten, die kompensiert werden müssen. Z.B. macht das Fahrzeug viele Nickbewegungen durch Bodenwellen oder Brems- und Beschleunigungsmaneuver. Das muss kompensiert werden, denn ansonsten wackeln die virtuellen Objekte im Bild herum, was nicht besonders hochwertig aussehen würde.

AR Navigation

WEAREAR: Welche weiteren Funktionen neben den Richtungspfeilen bieten zukünftige AR-Systeme?

Necker: Es gibt viele Anwendungsfelder. Wir gruppieren die Funktionen in vier Klassen: Navigation, Orientierung, Fahren und Vertrauen. Hinter Navigation und Orientierung verbergen sich die bereits vorgestellten Straßenschilder, Hausnummern und POIs. Es sind hier vielfältige weitere Informationen denkbar, z.B. auch Objekte aus sozialen Netzwerken. Die Funktionen im Bereich Fahren unterstützen den Fahrer bei seiner Fahraufgabe. Beispielsweise können Gefahrenquellen markiert werden. Wir machen das schon heute beim Nachtsicht-Assistent Plus in der S-Klasse: Fußgänger und Tiere werden außerhalb von Ortschaften bei Nacht im Videobild rot markiert. Beim Thema Vertrauen geht es darum, dem Fahrer darzustellen, was die verschiedenen Assistenzsysteme des Fahrzeuges gerade wahrnehmen. Besonders beim Schritt zum automatisierten Fahren wird es wichtig sein, dem Kunden vertrauen in die neuen Systeme zu geben. Augmented Reality kommt hier eine zentrale Rolle zu.

WEAREAR: Einerseits bieten die großen farbigen Pfeile eine gute Orientierung, andererseits besteht auch die Gefahr, dass Personen und Gegenstände verdeckt werden. Wie wollen Sie das lösen?

Necker: Diese Probleme muss man genau betrachten. Im Videobild ist es weniger ein Problem, denn der Fahrer sollte ohnehin nicht danach fahren. In einem Headup-Display muss man sich sehr genau überlegen, was man wie anzeigt. Hier kann weniger mehr sein.

WEAREAR: In der jetzigen Version nutzt das System das vorhandene Display im Fahrzeug. Natürlich kommt für die Einblendungen der Wunsch nach einem Head-up-Display in der Windschutzscheibe auf. Was sind dabei die Herausforderungen?

Necker: Das sehr kleine Field-of-View eines Headup-Displays ist heute noch das Problem. Es gibt viele Funktionen, die damit nicht sinnvoll umsetzbar sind, z.B. Hausnummern und Straßennamen, ganz einfach weil die virtuellen Schilder außerhalb des Field-of-View des Headup-Displays wären. Es gibt aber auch genügend Funktionen, welche mit einem Headup-Display gut umsetzbar sind, z.B. die Markierung vorausfahrender Fahrzeuge.

Augmented Reality Navigation

WEAREAR: Welche Reaktionen haben Sie bisher zur Navigation mit Augmented Reality bekommen?

Necker: Die Reaktionen waren sehr positiv. Wenn man nur davon erzählt oder darüber liest, dann fällt es manchmal schwer, sich etwas sinnvolles darunter vorzustellen. Wenn man aber erst mal im Versuchsträger damit gefahren ist, dann wird der Vorteil der Technologie unmittelbar klar und man möchte es nicht mehr missen.

WEAREAR: In der Automobilindustrie haben neue Technologien oftmals mehr Akzeptanz als in anderen Branchen. Können Sie uns Einblicke geben, wo AR bei Mercedes noch zum Einsatz kommt?

Necker: Wir haben es heute schon an vielen Stellen im Einsatz. Beispielsweise bei der Rückfahrkamera, der 360°-Kamera oder dem Nachtsicht-Assistent Plus. Es gibt aber auch andere Anwendungsbeispiele, z.B. im Marketing. Ein Beispiel ist die Augmented Reality App für die neue C-Klasse, die auf der CES gezeigt wurde. Aber auch in der Produktion und Entwicklung wird Augmented Reality und auch Virtual Reality eingesetzt. Produktionsplanung und Entwicklung lassen sich damit an vielen Stellen effizienter gestalten, da verschiedene Szenarien viel schneller durchgespielt werden können.

WEAREAR: Welche Anforderungen stellen Sie an AR-Anwendungen. Kommt es bei Ihnen stärker auf den Einsatz der Technologie oder die einfache Bedienbarkeit an?

Necker: Der Kundennutzen steht immer im Vordergrund. Wir möchten Augmented Reality nicht wegen der Technologie selbst einbauen, sondern wir möchten einen echten Mehrwert schaffen, der den Komfort während der Fahrt erhöht. Augmented Reality hat eine Menge Potential, die Bedienung vieler Funktionen zu vereinfachen. Navigationsanweisungen können z.B. viel leichter verstanden werden, wenn man sie per Augmented Reality wiedergibt.

WEAREAR: Neben der zunehmenden Bedeutung von Visualisierung mit Augmented und Virtual Reality gewinnen Datenbrillen wie Google Glass, Spaceglasses und andere Wearables an Bedeutung. Gibt es bereits Projekte mit Brillen bei Mercedes?

Necker: Ja, unsere Kollegen in Kalifornien haben bereits eine Studie gezeigt, welche die Last-Mile-Navigation mit einer Datenbrille ermöglicht. Hierzu wird nach dem Parken des Fahrzeuges die Routenführung an die Datenbrille übergeben, die den Fahrer dann zum endgültigen Ziel navigiert.

WEAREAR: In den letzten Wochen wurde in den Medien viel über die See-Through-Funktion berichtet, mit der ich durch Lastwägen vor mir durchschauen kann, um leichter überholen zu können. Was halten Sie davon?

Necker: See-Through eignet sich hervorragend, um hübsche Bilder zu malen oder Prototypen aufzubauen. Es ist aber enorm schwierig, diese Funktion tatsächlich kundentauglich umzusetzen. Wenn man See-Through anbietet, dann muss es zu 100% zuverlässig funktionieren. Das Bild darf z.B. nicht einfrieren, auch nicht für eine Sekunde. Denn sonst entscheidet sich ein Fahrer zu einem Überholmaneuver, obwohl schon wieder Gegenverkehr kommt. Bei der Videobildübertragung über Funkstrecken wird man das nie so zuverlässig hinbekommen, wie man es benötigt. Ich glaube daher nicht, dass eine solche Funktion praktikabel umsetzbar ist.

WEAREAR: Herr Necker, vielen Dank für das interessante Gespräch.

ZUR PERSON

Marc Necker

Dr. Marc Necker ist Manager Augmented Reality bei der Daimler AG in Sindelfingen. Seit mehr als fünf Jahren befasst er sich mit Telematiksystemen im Auto. Dazu zählen beispielsweise Navigationssysteme mit Augmented Reality. Zuvor arbeitete er als Forschungsgruppenleiter am Institut für Kommunikationsnetze und Rechnersysteme der Universität Stuttgart. Er hat in Stuttgart und Atlanta/USA Elektro- und Informationstechnik studiert und über Interferenzkooordination mobiler Kommunikationsnetze promoviert.

WEITERFÜHRENDE LINKS

Dainler Blog: Von der Vision zur Realität

BBC Future: Cars turn to augmented reality

Bildquellen: Daimler AG


  1. Hallo Dirk,
    das ist mal ein interessantes Interview! Sehr gute Einblicke und vor allem die letzte Antwort ist eine neue Erkenntnis für mich.
    Weiter so!

    • Dirk Schart

      Hallo Rainer, kürzlich gab es einen Bericht über See-Through (http://goo.gl/NZZ7k0). Darin wurde suggeriert, dass die Technik verfügbar und die Umsetzung recht kurzfristig möglich sei. Die Euphorie des portugiesischen Professors habe ich schon damals nicht geteilt. Und offensichtlich bin ich mit der Einschätzung nicht alleine.

      VG
      Dirk

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