17.
Jun
Autor:
Kategorie: Allgemein

Mit der Google Glass im Alltag

Viel wird über Googles Datenbrille Glass spekuliert und diskutiert. Wofür kann man sie nutzen? Wie reagiert die Öffentlichkeit? In der vergangenen Woche hatte ich die Gelegenheit, die Glass eine Woche lang ausgiebig zu testen. Der Bericht zeigt, wofür sie sich eignet und wie die Menschen in der Öffentlichkeit darauf reagieren.

 

GOOGLE GLASS – LOS GEHT’S

Als ich am Montag ins Office kam, war das Interesse der Kollegen groß. Manche wollten die Datenbrille endlich mal selbst probieren, andere sind zögerlich und fragten erst mal, was die Brille kann. Für den Test hatte ich die bekannte Version ohne Brillengestell. Mittlerweile hat Google eine Auswahl an verschiedenen Gestellen: modisch im Nerd-Look oder sportlich für den Outdoor-Einsatz. Gerade mal 41 Gramm wiegt die Glass und das sorgt für angenehmes Tragen. Googles Datenbrille ist vorne mit einer Kamera und einem Prisma und an der Seite mit einem Touchpad und dem Knochemlautsprecher ausgestattet.

Zuerst die myGlass-App auf dem Smartphone installiert, dann die Glass mit WLAN ausgestattet und per Bluetooth mit dem Galaxy S4 verbunden. Im Glassware-Store, dem App-Store für die Google Glass, gibt es eine überschaubare Auswahl an Anwendungen. Neben Facebook und Twitter kann man sich News-Apps wie CNN oder Koch-Apps (kitchme) installieren. Die Palette der Google-eigenen Anwendungen ist ebenso vorhanden: G+, Google Suche, Youtube. Ergänzt wird das Angebot um Outdoor-Anwendungen für Joggen oder Radfahren, Aufgaben-Apps wie Evenote und vielen weiteren Anwendungen.

Google Glass Dirk Schart im Office

Außerdem ist es auch möglich Apps von Dritt-Anbietern zu installieren, die noch nicht im Glassware-Store sind. Der Blogger Iwan Uswak hat eine Seite mit den Google Glass-Apps, die ständig aktualisiert wird. Bei allem muss immer beachtet werden, dass sich die Glass noch im Entwicklungsstatus befindet. Ich habe mir eine bunte Mischung installiert, um die einzelnen Apps testen zu können.

 

„OK, GLASS. GET DIRECTION“

Das Menü der Datenbrille besteht hauptsächlich aus der Timeline mit den „Cards“, in der alle News sowie z.B. Twitter-Erwähnungen angezeigt werden. Das Hauptmenü – Ok, Glass – enthält die Befehle, um Fotos und Videos zu machen, zu telefonieren, zu navigieren oder beispielsweise eine Notiz für Evernote zu erstellen.Mit einer Fingergeste – vor und zurück – lässt sich einfach durch die Timeline navigieren. Ein Wisch nach unten und schon gelangt man eine Ebene zurück. Mit einem Fingertip auf das Touchpad werden die Menüpunkte ausgewählt oder Fotos geschossen.

Was mir gleich auffällt: Nach Anwahl einer App in der Timeline – nehmen wir Twitter – würde ich gerne mit einer typischen Geste (oben, unten) durch meine Tweets navigieren. Das ging mehreren Kollegen so – völlig intuitiv. Das ist bislang allerdings nicht vorgesehen. Die Timeline der Glass zeigt nur neue Aktivitäten, wohl um die Übersichtlchkeit zu behalten. Ich würde mir auch eine haptische Unterstützung zur Orientierung auf dem Touchpad selbst wünschen. Nicht immer hat Googles Brille auf meine Befehle reagiert. Ich war mir dann unsicher, ob es an unpräzisen Gesten oder einfach am Beta-Status des Geräts lag.

Timeline_Cards1 

„Get direction“, „Ok, Glass“. Mit der Sprache haperte es anfänglich. Lag es an meiner Aussprache oder musste die Glass mich erst kennenlernen? Ich  gab sie dann einigen Kollegen, bei denen es zunächst nicht besser war. Nach zwei Tagen begann mich Google zu verstehen und ich konnte auch navigieren. Zwar besteht für die Glass die Welt erstmal aus den USA, aber ich konnte sie davon überzeugen, dass München eine größere Stadt in Deutschland ist. Die Sprachsteuerung hat Vor- und Nachteile: Bedienung handsfree, dafür hört jeder mit. Hier wird bereits viel über das Thema „Privacy“ diskutiert.

 Google Glass Navigation

IST DAS DIE GOOGLE GLASS?

„Ja, das ist sie“, musste ich immer wieder bestätigen. In der Öffentlichkeit wird die Google Glass immer häufiger erkannt. Dabei muss man zwischen zwei Szenarien unterscheiden: Interesse oder Skespis. Vor allem in der U-Bahn spürte ich, wie mich die Augen der Fahrgäste verfolgten. Was ging da in den Köpfen vor? Ich wurde angesprochen, was ich über die Brille denke oder ob man sie mal aufziehen könne. Viele Menschen sind unsicher im Umgang. Macht der jetzt ein Bild von mir? Das geht uns doch allen so. Hält jemand ein Smartphone in beiden Händen, dann signalisiert das eine Foto- oder Filmaufnahme und ich kann entsprechend reagieren. Wie aber zeigt mir die Google Glass, dass etwas aufgenommen wird? Gar nicht.

Ob auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, im Restaurant oder auf der Messe: Ich hatte keine unangenehme Situation, wie man sie teilweise aus den USA hört. Niemand hat mich aufgefordert, die Brille abzunehmen. Das liegt vielleicht auch daran, dass es noch wenige so „Spinner“ wie mich gibt, die wie ein Alien durch München laufen.

 

WAS MIR GUT GEFALLEN HAT

  • Die Qualtität der Sprachausgabe des Knochenlautsprechers ist hervorragend, ob bei Anrufen oder bei Videos
  • Videos lassen sich bequem schauen, ohne dass ich mein Smartphone aus der Tasche nehmen muss
  • Fotos lassen sich schnell aufnehmen und über die sozialen Netzwerke teilen
  • Die Navigation ist handsfree und sehr gut für Städte geeignet
  • Für Sport (Joggen, Radfahren, Skifahren, Wandern) lässt sich die Glass prima nutzen

 

WAS MIR NICHT GEFALLEN HAT

  • Das Auge schaut permanent nach oben, auch wenn die Glass ausgeschaltet ist: das ist für mich unnatürlich.
  • Die Akkulaufzeit lässt bei intensiver Nutzung nach rund 1,5 Stunden nach
  • Es fehlt eine Orientierung auf dem Touchpad in haptischer Form
  • Mit fehlt eine weitere Navigationsebene für mehr Informationen, insbesondere bei Twitter und Evernote

 

WAS BRINGT GLASS FÜR AUGMENTED REALITY?

Diese Frage bekommen wir immer wieder gestellt – und haben auch bereits vor einem Jahr darüber berichtet. Gleichzeitig wird in den Medien auch von der „AR-Brille“ gesprochen. Grundsätzlich kann die Glass Augmented Reality darstellen. Dabei sollte man bedenken, dass das Sichtfeld, das sogenannte „Field-of-view“, sehr klein ist. Für die Einblendung von Zusatzinformationen in Bild- oder Textform, wie z.B. bei „AR Glass for Wikipedia“ oder „WordLens“ ist das ausreichend. Animierte 3D-Modelle, die sich per Interaktion steuern lassen, sind aber kaum erkennbar. Dafür gibt es Tablets, die machen das in der richtigen Größe, damit es auch visuell eine Wirkung hat. Google Glass wird keine Tablets ersetzen, aber wie alle Wearables ist es ein Device, das uns neue Möglichkeiten bietet. Wie bei jeder neuen Technologie müssen wir jetzt erstmal Erfahrungen sammeln und ausprobieren, was Sinn macht. Jedes dieser Geräte wird seinen Einsatzzweck finden.

FAZIT

Für die erste Version ist die Google Glass schon sehr weit und funktioniert erstaunlich gut. Der Tragekomfort ist prima. Die Bedienung lässt sich noch verbessern und ausbauen. Wie gesagt: Beta-Phase. Für mich ein Gerät, dass ich definitiv nutzen würde/werde. Nur möchte ich die Brille nicht permanent auf dem Kopf haben. 

 

WEITERFÜHRENDE LINKS

Die Welt – Wie gut funktioniert Google Glass im Alltag?

Adweek – 72% of Americans Won’t Wear Google Glass Because of Privacy Worries

Google Glass – Augmented Reality oder nicht

Bildquellen: Vitaflux, Eigene


665